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Dankenswert vom VERLAG Wolfgang Brugger zur Verfügung gestellt
Mein Sitznachbar versucht, einen Blick aus dem Flugzeugfenster zu
erhaschen. "Wissen Sie, wie der Fluß da unten heißt?"
Ich kann auch nur raten, denn diese Strecke bin ich noch nie
geflogen. "Vielleicht ist es der Zambezi". "Gut möglich", meint
Nic, ein weißer Südafrikaner, der ebenfalls den Malawi-Trip mit
"Drifters Abenteuer Reisen" gebucht hat.
Bevor wir weiter rätseln können, dringt undeutlich eine Stimme
aus den Lautsprechern. Sie kommt kaum gegen des Rauschen der
Boeing 737 der Air Malawi an. Ich verstehe nur den Namen
"Cabora-Bassa". So heißt ein großer Stausee in Mozambique, der
in den der Zambezi mündet. Mit südafrikanischer Hilfe gebaut,
sollte er Strom in die Apartheidrepublik liefern. Der Bürgerkrieg
in Mozambique machte jedoch einen Strich durch die Rechnung.
Kaum drei Stunden nach dem Abflug in Johannesburg landet die Maschine nach
Überquerung von Nordtransvaal, Mozambique und Zimbabwe im "warmen
Herzen Afrikas", wie sich das zentralafrikanische Land in den
Prospekten bezeichnet.
Der Chef von Drifters, Andy Dott, hat mich beim Einchecken in
Joburg mit den Worten "Da sind Lebensmittel für die Gruppe drin,
die es in Malawi nicht gibt" darum gebeten, zwei schwere
Plastiktruhen mitzunehmen.
Die Reisegruppe erledigt die Einreiseformalitäten in Lilongwe,
übernimmt das Gepäck, und stellt sich dann in die Warteschlange
zum Weiterflug nach Monkey Bay, einem kleinen Flughafen am Lake
Malawi an.
Als die Reihe an den Reisenden vor mir kommt, hält die
malawische Flughafenangestellte eine Bordkarte hoch und verkün-
det: "Das ist der letzte Platz in der Maschine". Ich glaube, ich
höre nicht richtig. Doch, es ist wahr! Mein Vordermann ergreift
eilig die Karte und verschwindet im Ausgang des Flughafengebäudes
Richtung Flugzeug. Während ich der Dame noch klarzumachen ver-
suche, daß ich und vier andere der Drifters-Reisegruppe bestätigte
Tickets haben, die uns auf jeden Fall zum Flug nach Monkey
Bay berechtigen, hebt draußen "unsere" Propellermaschine schon
zum halbstündigen Flug an den Malawi- See ab.
Was tun? Verschiedene uniformierte Flughafenangestellte zucken
nur teilnahmslos die Achseln. Niemand ist verantwortlich. Nach
etwa einer Stunde habe ich erreicht, daß uns fünfen ein kleiner
Bus der Air Malawi zur Verfügung gestellt wird. Nur mit Mühe kann
ich verhindern, daß uns der entsprechende Flugschein aus dem
Ticket- Heft gerissen wird. Durch diesen Trick wären wir niemals
in der Lage, zu beweisen, daß uns der Flug verweigert wurde.
Wir steigen eingermaßen erleichtert in den Mitsubishi- Bus und
wundern uns über die 20 Flaschen "cooldrink" (Coca Cola, Saft
etc.), die im Eiswasser in einer Plastikwanne umherschwimmen. Ich
habe den Kommentar des Schalterbeamten noch in den Ohren: "In
vier Stunden sind Sie da!" Braucht man in vier Stunden 20
Flaschen?
Moses, unser malawischer Busfahrer, bekommt an der vierten
Tankstelle der Hauptstadt endlich Benzin. Wir verlassen die
Hauptstadt in südöstlicher Richtung. Vorherrschende Farbe: Grün
in allen Schattierungen. Tropische Bäume. Saftige Vegetation. Ein
fruchtbares Land, könnte man meinen. Dafür sprechen auch Legio-
nen von Menschen, die die Straßen säumen. Ab und zu kommt uns
ein Auto entgegen.
Als schon eine Stunde später die Dämmerung das Fahren für Moses
schwieriger macht, und die Fußgänger am Wegesrand (und die
Schlaglöcher) nicht mehr so einfach zu sehen sind, beginnt ein
sanfter Aufstieg, begleitet von Bergen.
Stockdunkel ist es mittlerweilen. Ab und zu fahren wir in
gemäßigtem Tempo an Straßenmärkten vorbei. Im Kerzenschein werden
von einer erstaunlichen Anzahl von Menschen hübsch in Pyramiden
aufgeschichtete Kartoffeln, Krautköpfe, Tomaten, Papayas, Avoca-
dos und anderes Obst und Gemüse gekauft. Ein malerisches Bild.
"Sind wir nicht bald da?" Dieser Satz klingt immer öfter auf.
Seltsam, wir passieren nun schon zum dritten Mal ein Schild
"Achtung, Grenzübergang". Moses erklärt, daß wir an der mozambi-
quanischen Grenze entlang fahren.
Kaum sind 5 (fünf) Stunden im Dunkeln abgesessen, erreichen wir
eine Abzweigung, die uns zum Flughafen und zu einem Luxushotel
führen soll. Moses biegt in einen sandigen schmalen Feldweg ab,
der so tiefe Furchen hat, daß mir ein vierradgetriebenes Fahrzeug
passender erscheint als ein Kleinbus.
Linkerhand liegt, so stellen wir in der Dunkelheit fest, hinter
einem Zaun eine Wiese, die Moses als "Flugfeld" bezeichnet.
Offenbar landet hier die wöchentliche Air Malawi Propellerma-
schine, die wir nicht benutzen durften. In der Empfangshalle des
Luxushotels gleich daneben fragen wir nach "Joe", der uns mit dem
Drifters- Truck abholen soll. Von Joe keine Spur. Der hatte wohl
nicht die Geduld, auf uns zu warten.
Nach kurzer Diskussion überzeugen wir Moses, uns zum See zu
fahren, wo auch die Zelte für unser Nachtlager aufgestellt sein
sollen. Als der Hotel-Portier hört, daß wir zum Campingplatz
wollen, schüttelt er den Kopf: "Da habt Ihr ja ganz schön was
vor! Es sind 65 km, und die letzten 30 km sind übel!"
Durch diese hoffnungsfrohen Worte geleitet lassen wir uns von
Moses bis zur Haupt- und Teerstraße schütteln. Mitten in der
Nacht tauchen am Weg zweideutige Schilder auf. Keiner von uns
weiß, ob wir nun geradeaus oder links fahren sollen. Wir tippen
auf geradeaus, denn links geht es auch zur Polizeistation, doch
wer weiß, wie weit weg von der Hauptstraße diese liegt.
Kurze Zeit später ein anderer Grund, unsere Fähigkeit zum
Hellsehen zu erproben. Wir entscheiden uns diesmal für links,
denn wir erkennen ein verwittertes Schild mit der Aufschrift
"Golden Sands" im Scheinwerferlicht, von Büschen eingewachsen.
Das klingt doch irgendwie nach Strand, oder?
Nun zeigt es sich, daß wir durch den Feldweg zum Flughafen gut
auf die kommenden Kilometer vorbereitet wurden. Moses ist ein
wahrer Fahrkünstler. Links und rechts von hohen Bäumen begrenzt,
windet sich der einspurige Pfad, der zum Teil tief ausgepült ist,
zwischen engen Felsen hindurch, wobei teils sehr steile Steigun-
gen zu überwinden sind. Ein halbes Dutzend mal quälen wir uns
durch Bäche mit besorgniserregend hohem Wasserstand, wobei der
Bus eine mehr als seltsame Schräglage einnimmt. Doch Moses und
sein Mitsubishi schaffen es. Seekrankheit-ähnliche Symptome pla-
gen uns. Fanta und Cola sind bereits ausgegangen.
Wir vergleichen die Uhren und den Kilometerstand. Eigentlich
sollte das Ufer des Sees schon vor uns liegen. Stattdessen teilt
sich unser Pfad. Müdigkeit hat sich schon längst - es ist nach 11
Uhr nachts- in unseren Hirnen breitgemacht.
Trotzdem steige ich aus dem Bus in die stockdunkle, unheimliche,
sternendurchglühte, sanfte, warme Nacht hinaus, und prüfe mit dem
Finger Reifenspuren im Sand, die vom Scheinwerfer des Busses
plastisch beleuchtet werden. Welche ist nun frischer, und welche
gehört zu dem Lastwagen, den ich noch nie gesehen habe, und der
uns laut Programm durchs südliche Malawi fahren soll?
Nach rechts, empfehle ich Moses, und die anderen stimmen zu, denn
selbst eine falsche Entscheidung ist noch besser, als umzudrehen,
und den verwunschenen Weg zum Flugplatz zurückzufahren.
Noch eine Wegbiegung und schon glitzert in der Ferne der See, in
dem sich der soeben aufgehende Vollmond gelblich spiegelt, und
unsere Stimmung wird spürbar besser. Als die Straße aufhört,
steigen wir aus. Ruhe, Wärme, der Geruch von toten Fischen. Leise
schwappt das Seewasser ans grobsandige Ufer. Silbrig glänzt der
Lake Malawi. Die Zeit scheint stillzustehen. Wie Lanzen stechen
die beiden Lichter unseres Busses in die Nacht. Doch kein Zelt,
kein Licht, das auf unsere Reisegruppe hindeutet.
Ich erkenne die Mauern einer Hütte in der unmittelbaren Nähe.
Ein Fischerdorf? Der Vollmond strahlt nun kräftiger. Zwei, drei
dunkle Gestalten kommen näher. Moses unterhält sich mit ihnen.
Sie sind Dorfbewohner. "Chembe" heiße die Ansiedlung. Eine der
ärmlich gekleideten nächtlichen Gestalten erklärt sich bereit,
uns zu der Stelle zu führen, wo er unsere Leute vermutet, und
setzt sich neben den Fahrer. Auf der staubigen Dorfstraße rollen
wir den See entlang an strohgedeckten Lehmhütten vorbei im
Schrittempo unserem Ziel entgegen. Dort, wo sie der Fremde
vermutete, sind unsere Leute nicht. Er steigt aus, und deutet
weiter Richtung Westen, wo der Vollmond einen Berg bescheint, wo
die Straße anscheinend aufhört.
Das Dorf haben wir inzwischen verlassen. Berg und See treffen
hier zusammen. Kein Platz mehr für eine Straße dazwischen. Dafür
stehen einige Häuser unter Bäumen. Eine Lichtung, zwei Autos im
Halbschatten des Vollmondes. Afrikaanse und englische Laute?
Schon sind wir von unseren Mitreisenden umringt, die mit dem
Flugzeug gekommen sind. Wir werden zu den Zelten geführt. Auf
dem Lagerfeuer steht die Teekanne. Auch etwas zum Essen gibt es.
Zwei Schwarze, die offenbar in Drifters Diensten stehen, weisen
uns ein.
"Wo ist Joe, der Fahrer?" "Der ist mit dem Truck unterwegs, Euch
vom Flughafen abzuholen." Dann haben wir uns verfehlt!
Zu einem langen Gespräch sind wir nicht mehr fähig, da hundemüde.
Nur noch eins: "Warum konnten wir nicht mitfliegen?" Die einfache
Antwort: Unsere Plätze wurden von einem "Geschäftsmann" und einer
Familie eingenommen. Der Geschäftsmann brüstete sich im Flugzeug
damit, daß er den Beamten am Ticket- Schalter eingeschüchtert
habe: "Entweder ich fliege jetzt mit, oder ich lasse mein
wichtiges Geschäft platzen". Schon hatte er sein Ticket, und
seinen Platz im Flugzeug. Sicher gab er ein gutes Trinkgeld.
Ebenso sicher war die Familie, die auch mitflog, nicht irgendeine
Familie. Vielleicht war sie dem Flugschein- Beamten gut bekannt,
oder hatte gerade ein paar Kwatcha (hiesige Währung) zur Hand,
mit der sie den Wunsch eines Fluges bekräftigen konnte.
Ob wir jemals das Geld für den Flug Lilongwe-Monkey Bay
zurückbekommen? Auf jeden Fall werde ich es nach der Reise beim
Veranstalter Drifters versuchen. Die müde Runde löst sich langsam
gähnend auf und kriecht in die Zelte. Ins Zelt möchte ich nicht,
da es drinnen furchtbar heiß ist. Als der taghell strahlende
Mond sich sanft in den Maschen des Moskitonetzes spiegelt, bin
ich schon längst auf meiner Isomatte eingeschlummert. In meinem
Traum fährt mir immer ein Bus vor der Nase weg.
Kurz nach dem Morgengrauen weckt mich der Schrei eines "Fish
Eagle", auf deutsch "Schreiseeadler" genannt. Die in den Zelten
schnarchen noch vor sich hin, doch um meinen Schlaf ist's
geschehen. Nach einem erfrischenden Bad im angenehm warmen
glasklaren Wasser des Sees, nur 100 m von den Zelten entfernt,
nutze ich die Zeit bis zum Frühstück, um ein bißchen in den
Hochglanzprospekten des Malawischen Touristenamtes zu lesen.
Lake Malawi erstreckt sich beinahe 570 km in Nord-Süd-Richtung
und macht etwa ein Fünftel des Staatsgebietes aus. An manchen
Stellen ist der See 80 km breit. Ein Erdriß, der sich vom Toten
Meer im Nahen Osten entlang Ostafrikas bis zum Zambezi erstreckt,
wird "Great Rift Valley" oder "Großer Grabenbruch" genannt. Lake
Malawi ist der südlichste der langgestreckten Seen, die sich
entlang des Grabenbruches gebildet haben und der drittgrößte
Afrikas. Er wird durch den Shire-River, der in den Zambezi
fließt, in südlicher Richtung entwässert. Mozambique umschließt
Malawi im Osten, Süden und Südwesten, die Staaten Zambia und
Tanzania liegen westlich bzw. nordöstlich von Malawi.
In einem hübsch angelegten Museum des "Lake Malawi National Park"
ganz in der Nähe des Campingplatzes "Golden Sands" kann ich
verfolgen, wie unser Planet sich aus dem "Gondwanaland" zur
heutigen Form entwickelt hat. Die Geologen denken sich die
künftige Entwicklung Afrikas so, daß sich im Laufe der Zeit
Ostafrika genau an diesem Grabenbruch von Rest- Afrika abtrennt.
Während ich meine Unterlagen studiere, haben zwei Schwarze das
Lagerfeuer in Gang gebracht. Nach und nach krabbeln die anderen
Teilnehmer der Abenteuerreise aus den Zelten und baden Teebeutel
in Plastiktassen mit heißem Wasser. Rührei mit Speck und getoa-
stetes Weißbrot gibt es, und dann geht schon das Programm los:
Schnorcheln.
Mit einem traditionellen Fischerboot erreichen wir die langge-
streckte Insel "West Thumbi Island". An einer leicht schrägen
Felsplatte legen wir an und gleiten mit Flossen und Taucherbrille
bewaffnet ins glasklare Wasser. Hunderte von bunten tropischen
Fischen, 5 bis 20 cm lang, bevölkern die Bucht. Sie werden
"Mbuna" genannt und gehören in die Familie der "Cichlids". Die
Mbunas sind ganz und gar nicht scheu, und so kommt es, daß ich
mich mitten im Schwarm vorwärtsbewege. Die Fischlein holen ihre
Nahrung von mit Algen bewachsenen glatten Felsen. Nur der
Fachmann kann die ca. 350 verschiedenen Arten auseinanderhalten.
Wenn bestimmte Fische dieselbe Farbe und Musterung haben, kann er
zum Beispiel an dem Winkel, wie sie vom Felsen fressen, feststellen,
welche Mbuna-Art dies ist.
Wegen des herrlich warmen Wasser kann man viel länger als am
Indischen Ozean in Natal schnorcheln, doch schon haben sich
einige Taucher beim Lagerfeuer versammelt, um eine zünftige
"Brotzeit" zu verzehren. Zwei, drei Einbäume kommen auf unsere
Felsenplattform zu. Die sie paddelnden Eingeborenen verkaufen
einfachen Schmuck, der aus Draht und Pflanzensamen kunstvoll
gefertigt wurde. Sie brauchen das Geld, um für ihre Schulbildung
zahlen zu können. Wir bekommen noch anderen Besuch: Knallbunte
"Lizards", Eidechsen, huschen von der prallen Sonne in Felsrit-
zen, wenn sich ein Mensch ihnen nähert. Unglaublich, welche
Schockfarben die Natur erzeugen kann: Stahlblau, knallgelb,
leuchtend rot schillern die Tiere schon von weitem.
Die Sonne läßt nicht mit sich spaßen. Obwohl mit einer wasserfe-
sten Sonnencreme eingeschmiert, haben wir alle noch eine Woche
später einen hübschen Sonnenbrand am Rücken. Am späten Nachmittag
startet unser Fischerboot wieder Richtung Campingplatz, immer der
Küstenlinie entlang. Alle 100 m sitzt ein braun- weißer Schrei-
seeadler, immer in gleicher Höhe vom Wasser entfernt, auf einem
Baum. Doch kaum einer rührt sich. Sie warten wohl auf den frühen
Abend, dann werden sie aktiv.
Am Sandstrand des Campingplatzes angekommen, mache ich mich auf,
um das Fischerdorf Chembe zu besuchen. Ich wandere entlang der
staubigen Dorfstraße, in der ab und zu mächtige Baobab- Bäume
(Affenbrotbäume) stehen. Im Schatten eines solchen Baumes setze
ich mich nieder und bin bald von einer Anzahl von Jungen umringt.
Erst fragen die Burschen mich aus, dann ich sie. Jeder hat seine
eigene Geschichte. "Was macht Ihr denn in den Osterferien ?"
frage ich.
"We're looking for business!" kommt die Antwort. Sie versuchen
also Geschäfte zu machen. Ich wundere mich, wie die 9 - 12-
Jährigen Geschäfte machen wollen. "Wir organisieren was. Zum
Beispiel zeigen wir Fremden, wo die besten Holzschnitzarbeiten zu
finden sind. Oder wir vermitteln jemanden, der die Wäsche der
Touristen waschen kann. Wir kennen auch Leute, die gut Fleich
grillen können."
Einer der Burschen scheint mir besonders clever zu sein. Er ist
zehn Jahre alt, geht jedoch nicht zur Schule. Warum nicht? Kein
Geld, behauptet er. Der Vater hat keine Arbeit, die Mutter ist
gestorben. Jetzt fällt mir der tote Ausdruck in seinen Augen auf.
Ich verabschiede mich von der Gruppe. Das Dorf sieht recht sauber
aus. In manchen Hinterhöfen stehen Zelte, und Autos mit südafri-
kanischen, zimbabwischen und zambischen Nummern. Offenbar ist der
Tourismus hier im Nationalpark nicht nur auf unseren Campingplatz
beschränkt. Sogar einige Restaurants gibt es hier. Einige Meter
weiter ein Gebäude aus Stein, mit dem Schild "Steven's Rest
House" davor. Langhaarige braungebrannte junge Menschen, sicher
keine Malawier, sitzen auf Bänken und lassen sich Bier und Coke
schmecken. Offenbar ein Hippie- Treff. Diese Vermutung wird
später bewiesen, als ich einen Australier treffe, der mir
Haschisch anbietet.
Da, ein Fotomotiv: Im Halbschatten eines Baobab- Baumes lagert
eine Gruppe von Frauen und Kindern. Ein Mädchen stampft Maiskör-
ner in einem hölzernen Mörser. Ich setze mich zu den Leuten,
plaudere ein bißchen und deute auf mein "Motiv". Offensichtlich
darf ich fotografieren. Nach dem "Schuß" verabschieden wir uns
freundlich. Plötzlich steht ein Mann vor mir, dem eine Art von
Tumor die linke Gesichtshälfte samt Hals verunziert. Er schnauzt
mich an: "Was fällt Dir ein, meine Tochter zu fotografieren?" Er
sieht nicht so aus, als ob er jemals eine Frau gefunden hätte. Er
rückt näher an mich heran und bedroht mich mit der Faust. Als ich
mich nicht beeindrucken lasse - obwohl ich schon ganz naß im
Gesicht bin von seiner feuchten Aussprache- und ich mich zum
Gehen wende, flucht er lautstark hinter mir her, wobei er das
internationale F.. - Wort gebraucht.
Als ich später diese Geschichte mehreren Dorfbewohnern erzähle,
wissen die Bescheid über den Mann mit dem Tumor: "Der ist
verrückt!"
Die nächsten Tage vergehen mit Schnorcheln und Wandern. Unweit
des Campingplatzes liegt "Mission Rocks", die Missionsfelsen, die
an Livingstones frühere Missionsstation erinnern. Dort ist das
Wasser glasklar, und die Mbuna- Fische zahlreich. Nachts schützt
mich das Moskitonetz vor allzu gierigen Mücken.
Zwei "Overland"- Trucks, die von London quer durch Afrika bis
Windhoek fahren, haben sich ebenfalls diesen Campingplatz als
Zwischenstation ausgewählt. Seltsam, in einem der
vierradgetriebenen schweren Fahrzeuge sind nur 2 junge Männer,
aber 14 Frauen zwischen 17 und Mitte 20. Am Steuer des Wagens
sitzt ebenfalls eine Frau.
Wir verlassen den Lake Malawi und den Golden-Sands- Campingplatz
und "genießen" zum ersten Mal unser Monster- Mobil: Ein hochge-
setzter MAN- Allrad- LKW, der auf der Ladefläche Sitze montiert
hat. Darüber spannt sich eine blaue, eingerissene Plane, die sich
im Laufe der Fahrt in Einzelteile auflösen wird. Vorne ist man
durch eine Holzwand vom Fahrtwind geschützt, seitlich ist die
Sicht frei. Der Fahrer sitzt im Freien.
Die eine Stunde dauernde Fahrt vom See bis zur Teerstraße geht im
Schrittempo vor sich. Ich wundere mich immer wieder, warum die
Kiste beim Durchqueren der Wasserläufe nicht umkippt, so schief
fahren wir die Böschung hinunter. Dieses völlig neue Fahrgefühl
ist Anlaß von lautem Gelächter. Was will man auch anderes tun als
lachen! Als die von Schlaglöchern durchsetzte Straße endlich in
die Teerstraße mündet, sehen wir eine lange Reihe von Ständen, wo
die Einheimischen geschnitzte Holz- und aus Binsen geflochtene
Souvenirs verkaufen.
Auf der Weiterfahrt nach Norden erreichen wir Mangochi, dessen
schmuckloses Postgebäude sogar auf einer malawischen Briefmarke
abgebildet zu finden ist. Wir kaufen dort farbenfrohe, technisch
hervorragend gemachte Briefmarken und Ersttagsbriefe.
Entlang des Lake Malombe führt die Straße weiter nach Süden, bis
sie in Liwonde den träge dahinfließenden Shire- Fluß überquert.
Unser Ziel ist der Liwonde- National- Park, der auf der östlichen
Seite des Shire- Flusses eine Vielzahl von verschiedenen Land-
schaften bedeckt: Sumpfgebiet in der Nähe des Flusses, Grasland
und Mopane- Baum- bestandenes Waldland in den höher gelegenen
Gebieten.
In Liwonde kaufen wir auf dem Markt ein. Joe klettert zurück in
unseren Monster- Truck und berichtet: "Die Einheimischen sagen,
daß der Liwonde- Nationalpark nicht erreichbar ist, da bei den
letzten Regenfällen die einzige Brücke über den Shire, die zum
Park führt, weggeschwemmt wurde. Wir werden deshalb nicht im
Park, sondern auf einem Campingplatz in der Nähe übernachten."
Wir sind nicht gerade happy. Am frühen Nachmittag erreichen wir,
270 km vom Lake Malawi entfernt, eine Hotel- Ansiedlung, die
"Kudya Discovery Lodge". Neben der Einfahrt steht ein uniformier-
ter Malawier, dessen Aufgabe nichts anderes zu sein scheint, als
militärisch zu grüßen und vereinzelt ankommende Autos in ein
bestimmtes Tor zu winken.
Neben dem Shire- Fluß parkt unser Truck. Alle Teilnehmer versam-
meln sich im winzigen Schatten, das das Fahrzeug wirft- denn in
der glühenden April- Sonne ist es kaum auszuhalten. Neben der
vergammelten Bar des Hotels liegt ein Pool mit trübem, sehr
warmem Wasser. Dennoch scheint dies die einzige Möglichkeit,
etwas abzukühlen. Eine Viertelstunde später bin ich das zweite
Mal von einem Wasserinsekt gestochen oder gebissen worden, das
sich unter der Schwimmbadumrandung versteckt gehalten hat. Als
ich die seltsame Brühe in einer Dusche abspülen will, werde ich
von starkem Toilettengeruch empfangen. Offenbar wird hier selten
geputzt. Die Umkleidekammer ist verschlossen. Das Wasser aus der
Duschbrause fließt spärlich, später wird es ganz versiegen.
Die Teilnehmer der Expedition stellen die Zelte auf. Ich hänge
mein Moskitonetz unter einem Baum auf. Als dann der Mond über den
Hügeln des Liwonde-Nationalparks auf der anderen Seite des Shire
aufgeht, glänzt das Mosiktonetz silbern. Tiefe Ruhe senkt sich
über die Landschaft.
Beim Abendspaziergang in der Hotelanlage treffe ich eine Gruppe
von Gestalten, die sich angeregt unterhalten und auf eine Stelle
auf dem Rasen vor ihnen deuten. Ein Koloß von Flußpferd weidet da
direkt vor uns auf dem Kikuyu-Zierrasen! Das sei jede Nacht so,
erklärt ein Hotel-Bediensteter. Sobald die Temperatur abends
sinkt, kommen die Hippos aus dem Fluß und weiden auf dem
Hotelrasen. Das erklärt auch, warum dieser so zerrupft aussieht!
Ich schleiche mich vorsichtig zum Campingplatz zurück, damit ich
nicht versehentlich mit einem Hippo zusammenstoße. Es ist außer
Frage, wer bei einem solchen Zusammenstoß der Stärkere sein wird.
Bekanntlicherweise kommen im südlichen Afrika mehr Menschen durch
Hippos als durch Krokodile ums Leben.
Ach wie ist es schön, unter einem Moskitonetz auf einer Isomatte
zu liegen, den riesenhaften Mond zu betrachten und die Geräusche
der Natur aufzunehmen: Grillen zirpen, Hippos blasen geräuschvoll
die Luft aus den Nüstern, wenn sie aus dem Fluß auftauchen,
Moskitos summen außerhalb des Moskitonetzes und stecken gierig
ihre Saugrüssel durch die Maschen.
Nachts, es mag kurz nach 2 Uhr sein, wache ich auf. Es juckt in
den Ohren. Auch die Haare scheinen sich zu bewegen. Ein Griff zur
Taschenlampe. Nein! Unfaßbar! Tausende von kleinen braunen Amei-
sen laufen kreuz und quer auf der Isomatte, auf meinem Schlaf-
sack, auf mir herum. Ich schüttle ein paar Hundert aus den
Haaren, und überlege, wie ich die Plage loswerde. Ich Blick auf
das Moskitonetz belehrt mich, daß ich die Wahl habe: Ameisen, die
nicht allzu lästig sind, oder Moskitos, die Überträger von
Malaria sind und die sich auf mich stürzen, wenn ich aus dem Netz
herauskrabble.
Nach einer mehr oder minder durchwachten Nacht erlebe ich einen
der schönsten Sonnenaufgänge. Morgenstimmung schon ab halbsechs.
Die Hippos sind vollgefressen und schon längst wieder im Wasser.
Die Ameisen, denen es langsam zu warm wird, verkriechen sich
wieder unter die Erde. Die Feuchtigkeit hatte sie herausgelockt.
Tau liegt überall, als ich die restlichen Ameisen aus allen
Körperöffnungen und den Haaren dusche. Die Dusche beim Pool geht
nicht, deshalb wurde uns ein Zimmer im Hotel zugewiesen, wo die
ganze Gruppe duschen kann.
Wie geht es im Programm weiter? Das ist die Frage. Da ein
Reiseleiter fehlt, und der Fahrer und Koch Joe wenig Initiative
zeigt, organisieren wir eine Bootsfahrt auf einem motorgetriebe-
nen Katamaranboot auf dem Shire-Fluß. Daß wir diese Fahrt auch
noch teuer bezahlen müssen, paßt uns nicht. Doch die Alternative
wäre ein weiterer heißer Tag auf dem Campingplatz. Der nächste
Programmpunkt ist erst am morgigen Tag vorgesehen.
Unser Boot gleitet den Shire flußaufwärts. Auf der westlichen
Seite Fischerhütten, ausgebreitete Netze und Gestelle, auf denen
Fische getrocknet werden, auf der östlichen, der Nationalpark-
Seite, unberührte saftiggrüne Landschaft. Eine Vielzahl von
Vögeln, darunter der nach Insekten spähende, häufig vorkommende
"Europäische Bienenfresser", hat sich im dichten Schilfgürtel
versteckt. Schreckhaft fliegen "Kingfisher" (Eisvögel) und Kormo-
rane auf, während Schreiseeadler majestätisch von Ihrer hohen
Warte ungerührt auf das vorbeiziehende Boot schauen.
Alle paar Minuten wird die sonst spiegelglatte Oberfläche des
Shire (gesprochen "Schiri", nicht etwa englisch "Scheier") von
einer Vielzahl von kleineren, paarweise zusammenstehenden Aus-
buchtungen unterbrochen. Das Wasser scheint von Hippos zu wim-
meln. Denn dies sind die Augen, Nasen und Ohren der Tiere, die
sich tagsüber am liebsten auf dem Grund eines Gewässers aufhal-
ten. Als wir uns ihnen nähern, tauchen ein paar von ihnen auf,
blasen Luft aus, und verschwinden sofort wieder unter der
Wasseroberfläche. Manchmal muß der Bootsführer über eine Herde
fahren. Entrüstet kommen die Hippos hinter dem Boot hoch. Ein
mächtiges Maul hat so ein Hippo, wenn es gähnt! Richtig furcht-
einflößend. Hoffentlich weiß der Steuermann, was er da tut!
"Wolfgang, komm rauf", höre ich eine Stimme über mir. Über eine
Leiter klettere ich in den ersten Stock des Bootes. Von hier hat
man einen prächtigen Blick über die Landschaft des Nationalparks.
Man sieht über den bis zu vier Meter hohen Schilf- und Papyrus-
Gürtel hinweg.
Aufgeregte Stimmen. "Dort hinten, schau mal!" Ganz in der Ferne
ein dunkler Punkt, der sich scheinbar bewegt. Im Fernglas
entpuppt er sich als Elefant, der sich gemächlich vorwärtsbewegt,
und dabei offenbar Insekten mit seinen mächtigen Ohren wegwedelt.
Das möchte ich jetzt auch können, denn die Gruppe wird von einer
Art Pferdebremse belästigt. Allerseits wird über juckende Stiche
geklagt. "Hippo-flies", meint der Bootsführer lakonisch, während
sein Helfer mit seinem ölverschmierten Lappen die Viecher zu
erwischen versucht. "Flußpferd-Fliegen".
Zweieinhalb Stunden Fahrt sind vergangen, die Sonne brennt schon
unbarmherzig, als am linken Ufer eine blaugekleidete Gestalt aus
dem dichten saftigrünen Dschungel winkt. Der Steuermann hält
darauf zu. Der Eigentümer des Bootes ist es, ein Weißer. Über
eine in den Schlamm gerammte Leiter steigen wir ans sichere Ufer.
Ein VW Golf steht da. Er ist über den gerade PKW- breiten Pfad
mitten durch den Dschungel hierher gefahren. "Euer Truck steht
schon bereit. Möchtet Ihr mit uns mitfahren?" will er von uns
wissen. Wir trauen der Sache nicht. Vielleicht müssen wir sogar
schieben, wenn der VW nicht mehr durchs Dickicht kommt. Wir
wählen den Fußmarsch. Gut gewählt! Eine derart vielfältige und
wildwuchernde Pflanzenwelt habe ich schon lange nicht mehr
gesehen! Hoch über uns schlägt das Pflanzendach zusammen, die
Sonne kommt nur noch gedämpft bis zum Dschungelboden. Feuchtheiß
ist es hier. Eine seltsame Blüte ragt aus dem kunterbunten
Durcheinander der sich windenden und verknotenden Pflanzen her-
aus: Eine knallgelbe Blüte, mit fingernagelgroßen knallroten,
klebrigen Samen.
Wie vermutet, hat der Golf Schwierigkeiten, den Dschungelpfad zu
fahren. Wir erreichen das Auto, als der Fahrer gerade die
verlorengegangene Stoßstange auflädt bzw. ins Wageninnere ver-
staut. Eine halbe Stunde später finden wir Joe und den Truck am
Rande des Urwaldes vor. Zerwühlte rote Erde und ein abgerissener
Außenspiegel zeugen von seinen Versuchen, den Urwaldpfad bis zum
Shire zu fahren.
Etwa einhundert Einheimische sitzen im Schatten eines Ziegelge-
bäudes, das als Einkaufsladen dient, und starren uns und den
Truck verwundert an. Solch ein Koloß war noch nie in ihrer
Gegend!
Der Rückweg zur Teerstraße ist ein wenig schmaler als der Truck
breit. Joe muß all seine Fahrkünste aufwenden, um da
durchzukommen. Gottseidank regnet es nicht, sonst wäre an ein
Weiterkommen nicht zu denken. Hier scheint die Zeit
stehengeblieben zu sein. Vereinzelt Hütten am Wegesrand, teils
aus gestampften Lehm-, teils aus gebrannten roten Ziegeln gefer-
tigt. Jede Hütte hat ihr eigenes Maisfeld, ein kleines Tabakfeld,
Avocado- und Papayapflanzen. "Branches: "Zweige", hört man immer
wieder durch das Heulen des Motors. Dann ist es an der Zeit,
möglichst schnell von der Außenseite des Aufbaus wegzurücken, und
die Hände schützend über den Kopf zu halten, denn ein Peitschen-
hieb durch das seitlich offene Gefährt ins Gesicht hat manchen
schon gelehrt, vorsichtig zu sein.
Am Wegesrand kaufen wir Melonen und gelbe Riesengurken. Vor dem
Abendessen macht ein Teil der Gruppe einen Ausflug in eine
Gerberei. Die Nacht ist von einem weiteren Zusammenstoß mit
Ameisen geprägt. Auch die in den Zelten Schlafenden beklagen sich
über Attacken der kleinen braunen Dinger.
Tags darauf führt uns eine geteerte Straße über einen Bergpaß
nach Zomba, der alten Hauptstadt Malawis. Ein Stück nach dem Paß
kann man übrigens gut und günstig am Straßenrand traditionell
geschnitze Malawi- Stühle kaufen. Vorteil dieser Stühle ist, daß
man sie leicht in zwei Teile flach zerlegen und daheim sogar
darauf sitzen kann. Die Lehne ist mit Motiven aus dem Sagen- und
Pflanzenreich verziert.
Auf dem berühmten Markt von Zomba gibt es alles für Einheimische
(von gebrauchten Schuhen und neuen Hemden bis zu getrockneten
Fischen) und Touristen (vom Schachspiel mit kunstvoll geschnitzen
Figuren bis zum "Sangoma" - Zauberdoktor aus Ebenholz).
Aufdringliche Händler, wie außerhalb des mit Maschendraht
eingefaßten Gebietes, gibt es hier auf dem Markt nicht. Jeder
Händler hat einen eigenen Stand, und muß pro Tag eine geringe
Gebühr bezahlen. Am Pfosten angebracht flattern die Quittungen an
einem rostigen Nagel aufgespießt im Wind.
Die Bauten des sauber und neu aussehenden Fischmarktes, Teil des
Zomba- Marktes, wurde - so sagt ein glänzendes Messingschild- von
einer kanadischen Hilfsorganisation gespendet. Überhaupt scheint
sich hier in Zomba die Welt zu treffen. Als ich durch die Straßen
schlendere, lese ich auf vorbeifahrenden vierradgetriebenen,
recht teuren Wagen Aufschriften wie: "UNICEF", "UNHCR"
(Flüchtlingshilfwerk der Vereinten Nationen), "South- Africa -
Malawi Wildlife Society", usw.
Die durchwegs geteerten Straßen werden gesäumt von einstöckigen
Gebäuden, die überdimensionale Aufschriften tragen. Jeder zweite
Laden scheint einem Muslim zu gehören, und eine herrliche Moschee
schließt eine bergauf strebende Straße ab. Der Islam hat in
Malawi kräftig Fuß gefaßt. Jedes kleine Dorf am Straßenrand hat
seine Moschee, Mittelpunkt des islamischen Glaubenszentrums. In
vielen Dörfern sieht man ein paar Häuser neben dieser Einrichtung
eine christliche Kirche.
Zurück zum bunten Treiben in Zomba: Vor einem Tuchgeschäft sitzt
- eine Szene, die mich an Kashmir oder an die Türkei erinnert-
ein Schwarzer mit einer weißen Muslim- Kopfbedeckungan einer
Singer- Nähmaschine. Der interessierte Kunde geht in den Laden,
kauft sich den passenden Stoff, und während er ein Täßchen Tee
mit dem Besitzer des Ladens trinkt, wird das bestellte Klei-
dungsstück zusammengenäht.
Eine geteerte, schmale, einspurige Einbahnstraße führt zum Zomba-
Plateau hoch, vorbei an der mit doppelter Mauer geschützten
Residenz des "Präsidenten auf Lebenszeit" Banda. In früheren
Zeiten, als die andere Straße noch nicht angelegt war, war die
Strecke alternierend stundenweise für den Berg- und Talverkehr
geöffnet. Unser MAN- Truck driftet haarscharf am Abgrund vorbei.
Der Geruch von Getriebeöl liegt in der Luft. Dies trägt nicht
gerade dazu bei, daß ich mich wohlfühle.
Das ganze Zomba- Plateau ist ein durch und durch grünes Waldre-
servat, von klaren Gebirgsbächen durchströmt. Eine Vielzahl von
bunten Wildblumen wächst zwischen Kiefernbäumen, Schirmakazien,
Farnen und Schlingpflanzen. Hier trifft man Angler an künstlich
errichteten Staudämmen, z.B. dem Mulunguzi-Damm.
Nachdem wir unsere Zelte auf dem kleinen überfüllten Campingplatz
aufgeschlagen haben, folgen wir einem jugendlichen Führer zu
einer Wanderung zum Rand des steil abfallenden Plateaus. Eine
atemberaubende Sicht auf die friedliche Landschaft, auf die
Mulanje- Berge in der Ferne und die Stadt Zomba belohnt uns für
die zweistündige Plackerei bergauf. Am Rückweg passieren wir eine
Reihe von Wasserfällen. Weil wir spät losgewandert sind, müssen
wir das letzte Stück zum Camp in völliger Dunkelheit hinter uns
bringen. Der Abend ist frisch und kühl. Joe hat mit Hilfe von
Redson, dem zweiten uns begleitenden Malawier, das Abendessen
zubereitet. Leider bin ich von dem Gerüttel und Geschüttel,
vielleicht auch vom unsauberen Wasser in Liwonde so krank, daß
ich mich, nachdem der Farn mein Mittagessen abbekommen hat, ohne
Essen ins Zelt verdrücke.
Am nächsten Morgen bekommt man auf dem Weg zur Toilette nasse
Füße: Das Gras ist klitschnaß vom Tau. Der Truck schüttelt uns
wieder nach unten. Dort ist letzte Gelegenheit, Souvenirs einzu-
kaufen. Joe und Redson kaufen im Supermarkt Getränke und Lebens-
mittel. Ich habe inzwischen all meine Hemden, Hosen, Uhren,
Kugelschreiber und andere Gegenstände gegen Holzschnitzereien
eingetauscht, und komme vollbeladen zum Truck zurück. Redson ist
ganz aufgeregt: Joe's Tasche mit persönlichen Gegenständen ist
soeben gestohlen worden. Trickdiebstahl, von mindestens zwei
Burschen ausgeführt.
Auch die Bettelei ist hier wirklich zu aufdringlich! Kinder mit
verstümmelten Händen oder Beinen in zerlumpter Kleidung halten
viertelstundenlang die Hand auf und rufen mit weinerlicher Stimme
"Kwatcha, Kwatcha!". So heißt die hiesige Währung: Ein Kwatcha
wird in 100 Tambala geteilt. Den jungen Malawiern wird folgendes
gelehrt: 100 Tambala (Göckel) künden einen Kwatcha (Morgenröte)
an.
Was nun folgt, fördert nicht unbedingt den guten Gesundheitszu-
stand der Mitfahrenden: Vier Stunden lang rüttelt der Truck uns
durch "Countryside", also ländliches Gebiet, und zwar auf von
durch Schlaglöchern übersäte und von tiefen Furchen durchzogene
Lehm- Schotterstraße Richtung Mulanje- Gebirge. Eine grüne,
fruchtbare Landschaft. Wir überqueren wassergefüllte Bachläufe.
In den kleinen Dörfern hängen vor manchen Häusern Schilder mit
der Aufschrift "Tearoom". Die Dorfbewohner haben offenbar mit
Fahrrädern Verbindung zur Außenwelt. Außer den üblichen "General
Stores" (Tante- Emma- Läden) findet sich in jedem größeren Dorf
eine strohgedeckte Hütte mit einem Haufen von Fahrrädern davor:
Hier werden Fahrräder verkauft und repariert.
Außerhalb der Dörfer wird die Straße von strohgedeckten Ziegel-
häusern gesäumt. Was man zum Leben braucht, wird angepflanzt:
Mais, Bohnen, Süßkartoffeln, Avocados, Papayas, Zwiebeln, Gurken,
Zuckerrohr, Tabak, der gleich neben dem Haus getrocknet wird. Und
was man nicht braucht, wird an Ort und Stelle vor der Hütte
ausgebreitet: Es kommt immer jemand, der dies oder das kaufen
will.
Hier ist nochmals zu wiederholen: Wir sitzen sehr hoch über der
Straße, und der Truck hat keine nennenswerte Federung. Jede
Bodenunebenheit spüren wir doppelt. Die Kiste schwankt wie in
starkem Seegang. Als wir am Fuße des Mulanje-Gebirges ankommen,
sind wir alle seekrank. Doch wir dürfen uns nicht beschweren. Wir
sind selbst schuld, mit Drifters verreist zu sein. Steht doch im
Briefkopf von "Drifters Adventure Tours": "Roughing it and loving
it", frei übersetzt: "Je rauher, je lieber".
Das Mulanje- Gebirge steht als steiler Granitblock in der
zentralafrikanischen Landschaft, etwa 75 km von Blantyre ent-
fernt. 3000 m hoch über dem Meeresspiegel liegt sein Gipfel.
Diese Höhe beeindruckt umso mehr, als die umgebende Ebene nur 600
m hoch ist. Wolken hüllen die Spitze des Massivs ein, als wir an
der Likahula-Forststation ankommen. Welch ein Luxus! Eine Anzahl
von sauberen Zimmern mit Elektrizität und Moskitonetzen, die über
richtigen, nicht durchgelegenen Betten hängen! Wir können unser
Glück noch garnicht fassen! Ein Aufenthalts- und Eßraum mit
bequemen Stühlen und Sesseln, eine Toilette mit Papier (!), eine
Dusche und Badewanne mit kaltem und warmem Wasser. Ein Koch, der
Mitgebrachtes zu schmackhaften Menüs zaubert, draußen vor der Tür
bereitstehende Träger für den morgigen steilen Anstieg zur
hochgelegenen Übernachtungshütte. Daneben Jungen, die geschnitzte
Tische aus Zedernholz mit drei Beinen, zusammenhängend aus einem
Stück gefertigt, verkaufen.
Ostersonntag: Ein Teil der Gruppe verschwindet mit den Trägern,
die ihr Gepäck auf den Berg schleppen, im Dickicht des Bergwal-
des. Der Rest, unter anderem auch ich, geht ebenfalls bergauf,
aber nur zum Wasserfall. Dort wird neben einem Felsenbecken, in
das der Wasserfall mündet, einen halben Tag Rast gemacht. Die
Hitze der glühenden Sonne kann sich nicht voll auf uns auswirken,
da wir, am Rand des Pooles sitzend, von der kühlen Brise des
Wasserfalles gestreift werden. Im glasklaren Gebirgswasser können
wir uns abkühlen.
Ich bin nach einem kleinen Picknick in süßen Dämmerschlaf
versunken, da taucht plötzlich am oberen Ende eines kleineren
Seiten-Wasserfalls eine dunkle Gestalt auf. Und noch eine.
Behende klettern ein paar Jungen, vielleicht 8-10 Jahre alt, die
steile Böschung neben dem Wasserfall zu mir hinunter. In einer
Hand halten sie durchsichtige Plastikbeutel, in der anderen eine
biegsame Weidengerte mit etwa 5 cm langem Zwirn, ein Haken dran.
Was soll das? Zwei oder drei von ihnen versammeln sich um einen
kleinen Tümpel, den der weiterfließende Gebirgsbach gebildet hat.
Sie tauchen die Gerte ins Wasser und pfeifen dabei in abwechelnd
hohen und niederen Tönen. Mit einem Mal schnellt einer der
Burschen die Gerte aus dem Wasser. Irgendwas hängt an dem Zwirn.
Es wird auf den Felsen geschleudert. Das muß ich mir ansehen!
Vielleicht eine kleine Krabbe. Falsch geraten. Der Junge steckt
einen welsähnlichen mittelfingerlangen Fisch (mit Schnurrbart) in
seinen Plastikbeutel, wo schon 10 andere Fische zappeln, und
macht mit dem Angeln weiter. Vermutlich soll dies zum Ostermahl
für die Familie beitragen. "Poachers: Wilderer", meint unser
schwarzer Führer lakonich. Klar, im Naturpark ist Angeln verbo-
ten. Doch wer schert sich darum?
Während die Kleinen weiterfischen, kommt vom Weg leichtbeschwingt
eine Gruppe Weißer herunter zum Felsenpool, gefolgt von einhei-
mischen Trägern. Die Weißen tragen die Verantwortung, die Träger
den Grill, Kühltasche, Gasflasche, Sonnenschirm, Stühle und
Tische. Was jetzt kommt, kenne ich doch irgendwie? Wenn das mal
nicht Buren sind!? Der Familienvater steht am Grill, in der einen
Hand die Grillzange, mit der er Steaks umdreht, in der anderen
eine kleine Bierflasche, den "dumpie". Wie daheim in RSA. Die
Mutter derweil kümmert sich um vier Kinder, die um sie herum
tollen. Als sie nach einer gehörigen Portion vertilgten Fleisches
wieder verschwinden, höre ich von jemandem, daß diese Leute auf
einen Osterausflug von RSA hierher geflogen sind, wobei sie
Bekannte in Blantyre besucht haben.
Heute ist nicht nur Ostern, sondern auch "Popo- Tag". Der "weiße"
Teil davon: Die Mittzwanzigerin aus Durban im engen Bikini,
Mitglied unserer Gruppe, will ganz braun werden. Seit Stunden
liegt sie nun schon in der knalligen Sonne. Jetzt entblößt sie
gerade ihre Po- Backen, um noch mehr Sonne zu bekommen. (Seltsam:
Es gibt Weiße, die gerne braun werden wollen, doch reiben manche
Schwarze sich mit Hautbleichern aus dem Supermarkt ein.) Unsere
Schöne nimmt keine Notiz von den kleinen schwarzen Jungen, die
grinsen und sich die Hand vor den Mund halten. Einer hat eine
Hose an, die nur noch aus dem Vorderteil besteht. Der Stoff an
der Hinterseite der Hose ist völlig zerschlissen, also offen.
Sein Popo guckt auch raus.
Zurück im Forsthaus lese im Gästebuch illustre Namen, wie
Mitglieder der Regierung und Verwaltung von Malawi, deutsche
Botschaftsangestellte, Schätzer der World Bank, usw. Der Abend-
himmel über dem Forsthaus läßt nichts zu wünschen übrig! Hier
darf sich die Milchstraße wirklich so nennen. An ganz wenigen
Plätzen habe ich bisher die dunklen Löcher in der Milchstraße so
deutlich gesehen!
Schon um halbzehn am nächsten Morgen kommen die Hiker, die
Bergsteiger, von ihrer Wanderung zurück. Sie bringen zwei Nach-
richten mit, eine gute und eine schlechte. Die gute zuerst: Schön
sei es gewesen, und die Sicht hervorragend, kein Wölkchen. Die
schlechte: Oben auf dem Berg war ein Kurzwellen- Radiogerät. In
den Nachrichten wurde berichtet, daß der beliebte Schwarzenführer
und Chef der Kommunistischen Partei Südafrikas, Chris Hani,
ermordet worden sei. Teufel auch. Wenn das mal nicht Ärger gibt!
Hat mir doch ein weißer Südafrikaner vor dem Abflug erklärt:
Sobald irgendeinem hohen schwarzen Politiker etwas zustößt, kommt
es garantiert zu Unruhen. Er sollte Recht behalten.
In dem Dörfchen, das an der Hauptstraße eine halbe Stunde
unterhalb des Forsthauses liegt, wird Ostermarkt gehalten. Die
Schlachterei ist ein Erlebnis: Auf einem hölzernen Tisch wird
unter freiem Himmel verkauft, was direkt daneben vom Schaf bzw.
Rind abgeschnitten wird. Das Tier hängt, fachgerecht aufgeschnit-
ten, mit den Beinen in einer Astgabel festgehängt vom Baum.
Hundert Meter weiter dringt Lärm aus einem einfachen Ziegelge-
bäude ohne Fenster: Kinder in zerlumpten Kleidern und Frauen
bringen Säcke von Maiskörnern her, die sie in der Gemeindemühle
zu Maismehl mahlen lassen. Die Mühle wird mit einem Dieselmotor
betrieben.
Zwischen Fleischerei und Mühle ist ein großes weißes Plakat
aufgehängt. Es ruft zum Referendum auf. Sollte das Volk diesmal
etwas zu sagen haben? Malawi ist chronisch von ausländischem
Kapital und personeller Entwicklungshilfe abhängig. Nun haben die
Geldgeber gedroht, den Hahn zuzudrehen (es geht um 74 Millionen
US$), wenn der als Diktator wirkende "Präsident auf Lebenszeit"
Dr. Hastings Kamuzu Banda nicht Richtung Demokratie marschiert.
Zu viele Berichte von Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Haft
ohne Verurteilung oder Ermordung politischer Gegner, zuviel Druck
auf die Opposition, keine Pressefreiheit, das sind nur einige
wenige Sünden der Familie, die Malawi in der Hand hält.
Was besonders stört, kommt in einem Bericht der "Weekly Mail" vom
September 1992 heraus: Da fliegen südafrikanische Top- Polizisten
nach Malawi, und helfen Malawis führender Clique, Anti- Regie-
rungs- Demonstrationen zu unterdrücken. Im Mai 1992 kamen während
solcher Aufstände 40 Menschen ums Leben. Sie wurden erschossen
oder totgeschlagen.
Dazu kommt: Der "Weltentwicklungsbericht" der Weltbank 1992
rechnet vor, daß die Sterblichkeitsrate unter 5 Jahren Lebensal-
ter 248 pro tausend Geburten beträgt. Im Vergleich dazu: 40
weniger im kriegszerrissenen Mozambique, 89 in Südafrika und 72
in Zimbabwe.
"Malawi ist gesegnet mit fruchtbarer Erde und - normalerweise-
Regen im Überfluß. Die ländliche Bevölkerung sollte genügend
Nahrung erzeugen, um sicherzustellen, daß jeder genügend zu essen
hat", kommentierte kürzlich ein internationaler Entwicklungshel-
fer. "Doch stattdessen werden die Bauern gezwungen, Produkte für
den Export anpflanzen. Viele haben nicht einmal genügend Grund-
nahrungsmittel, um ihre Familie ein Jahr lang zu ernähren. Als
Resultat hungern viele ländliche Malawier ein paar Monate im
Jahr."
Um Geld zu verdienen, bauen Bauern Tabak, Tee und Baumwolle an.
Dies verkaufen sie an Malawi's einzige Marktorganisation, die
Banda gehört. Diese Organisation setzt niedrige Einkaufspreise
fest und verkauft zu einem wesentlich höheren Preis ans Ausland.
Im bevorstehenden Referendum kann der Bürger Malawis nun abstim-
men, ob er das Ein (Malawi Kongreßpartei)- oder Zweiparteiensy-
stem lieber mag. Der Haken dabei: Er kann nur namentlich
abstimmen. Wenn er falsch (im Sinne der Regierung falsch)
abstimmt, kann das für ihn negativ sein.
In einem Artikel in der Weekly Mail einige Wochen nach meiner
Rückkehr aus Malawi wird berichtet, daß nun per Gesetz alle
Mitglieder der regierenden Partei und alle Wahlhelfer einen
Freischein erhalten, nach Belieben zu handeln. Sie haben also
Immunität für alle Vergehen nach dem Bürgerlichen- und Strafge-
setzbuch. Die Regierungs- und damit einzige Tageszeitung "Daily
Times" wirkt derweil auf der anderen Ebene. In ganzseitigen
Anzeigen wird die Einparteienherrschaft verherrlicht, und es wird
Tag für Tag berichtet, daß Einparteienherrschaft Frieden bedeu-
tet. Das ist nicht einmal so falsch, doch gesellschaftlichen
Frieden um jeden Preis? Frieden als Grundlage des Reichtums einer
hauchdünnen Oberschicht?
Durch Teeplantagen fahren wir auf einer einspurigen geteerten
Straße in die größte Stadt und den kommerziellen Mittelpunkt
Malawis, nach Blantyre. An der Einfahrtsstraße steht rechterhand
ein protziges Haus. Ein Schild erklärt den Zweck des Gebäudes:
Zensurbehörde. Im örtlichen Zeitungsgeschäft finde ich auch meine
Lieblingszeitung aus Südafrika, die fortschrittliche Wochenzei-
tung "Weekly Mail" wieder. Seltsam, da sind wohl die Motten drin.
Ganze Textstücke sind von den Motten der Zensurbehörde fein
säuberlich ausgeschnitten worden. Wir sind enttäuscht, denn auf
dem Markt für Souvenirs finden wir nur zweitklassige Holzschnit-
zereien zu überhöhten Preisen. Jetzt erst informiert uns Joe, daß
die Verkäufer nach Zomba, Mulanje und Liwonde fahren, um dort
einzukaufen. Ein richtiger Reiseleiter hätte Drifters wirklich
gutgetan. Die richtige Information zur rechten Zeit zeichnet eine
gute Reiseleitung aus.
Im reichhaltig ausgestatteten Supermarkt, der im modernen Ge-
schäftsviertel Blantyres steht, kaufen wir Malawi- Tee und -
Kaffee ein, auch ein Fläschchen Malawi- Gin ist dabei.
Dann verlassen wir Blantyre, um im Vorort Limbe unser Hotel
aufzusuchen. Es steht inmitten eines wohl reicheren Viertels:
Jedes Haus hat im Vorgarten eine riesige Satelliten- Schüssel zum
Fernsehempfang ausländischer Sender, denn Malawi selbst hat
(noch) kein Fernsehen.
Alle 13 Weißen und unsere beiden Malawier, Joe und Redson, fallen
mit knurrendem Magen zum Abendessen in einem Restaurant neben
dem Hotel ein, angemeldet natürlich. Die computergedruckte Spei-
sekarte verspricht ein kulinarisches Vergnügen zu hervorragend
günstigen Preisen. In kürze: Die letzten erhalten 2 1/2 Stunden
nach Bestellung ihr Essen, Fisch kam lauwarm, und zu schlechter
Letzt gibt es bei der Bezahlung abrechnungstechnische Probleme,
da der "Buchhalter" auf Osterurlaub ist. Joe setzt es dann doch
durch, daß wir als Entschädigung die Service Charge
(Bedienungsgeld) nicht zahlen brauchen. Nach dieser Enttäuschung
lassen wir uns in der Lounge des Hotels noch ein paar der
hervorragenden malawischen Bierchen aus dem Supermarkt schmecken.
Der letzte Tag ist Reisetag. Nach dem Abschiedsfoto im Vorgarten
des Hotels mit dem Truck zum Flughafen von Blantyre. Tohuwabohu
bei der Abfertigung am Flughafen - alle Passagiere und Flughafen-
angestellte laufen, vor und hinter dem Abfertigungsschalter, quer
durcheinander. Von Sicherheit der bereits aufgegebenen Gepäck-
stücke keine Spur. Irgendwie jedoch erhält jeder von uns seine
Tickets und die Bordkarten, die letzteren handgeschrieben. Plötz-
lich habe ich zwei Bordkarten in der Hand. Eine ist für den Flug
von Lilongwe nach Joburg.
Ein kurzer Flug in niedriger Höhe bringt uns in die Hauptstadt.
Dort müssen wir aussteigen. Beim Verabschieden erwähnt die
Stewardess so nebenbei, daß sie gleich weiter nach Joburg fliegt.
Im selben Flugzeug.
Das hindert die Fluggesellschaft Air Malawi nicht daran, alle
Gepäckstücke aufs Flugfeld zu kippen, wo sie von den Passagieren
identifiziert werden und dann wieder eingeladen werden müssen.
"Alle ausreisenden Fluggäste müssen 10- US$ Flughafengebühr
(Service Charge) bezahlen." Originalton Drifters. Als ich mich
vor dem entsprechenden Schalter anstelle, leuchtet mir ein Schild
"20 US$" entgegen. Ich habe nur noch 10 Dollar in Banknoten, doch
findet sich in der Geldbörse noch ein 10 Dollar- American-
Express- Traveller- Cheque. Nun bin ich dran. "We are boarding
now", ruft eine Dame in der Uniform der Air Malawi über die
Schlange der Wartenden hinweg. Das bringt Unruhe . Wir sollten
schon seit einer halben Stunde in der Luft sein.
Ich reiche meinen Paß und das Geld über den Schalter. Die Hand
des Beamten weist zum anderen Schalter: "Wir nehmen keine
Reiseschecks, wechseln Sie drüben."
"Drüben", das bedeutet eine andere lange Schlange vor dem
Schalter der "Bank of Malawi". Ich stelle mich hinten an. Vor mir
ein schwarzer Geschäftsmann aus Botswana, der die Sache gelassen
zu nehmen scheint. Während ich die zähflüssige Abfertigung
abwarte, erinnert die Air Malawi- Dame noch ein paarmal laut-
stark, daß man abzufliegen beabsichtige. Das kann jedoch den
Bankbeamten nicht bewegen, schneller zu arbeiten. Ich reiche
meinen Traveller- Schecks über den Schalter. Dann muß ich zwei
längliche Formulare mit je 3 Durchschlägen ausfüllen. Da ich eine
10- Dollar- Banknote will, muß ich einen horrenden Betrag in
südafrikanischen Rand als Umtauschgebühr bezahlen. Die Rand
müssen jedoch zuerst umgetauscht werden: Eigener Wechselbeleg in
drei Ausfertigungen und Umtauschgebühr. Eine Beschwerde in dieser
Situation ist nicht nur sinnlos, sondern kann eine erhebliche
Verlangsamung der Abfertigung hervorrufen.
Die Abflughalle ist nun leer. Augenscheinlich bin ich der letzte
Fluggast nach Joburg. Ich bekome nun eine Gebührenmarke über 20
Dollar, rase nach oben, um meine Ausreiseformalitäten zu erledi-
gen, und stelle mich zum "Abtasten" an. Dort finde ich all die
wieder, die ich schon längst im Flugzeug vermutete. Ich werde in
eine dunkle Kammer eingelassen, wo mich ein Beamter freundlich
fragt, ob ich nicht etwas Malawi- Geld für ihn hätte. Als ich
verneine, prüft er mein Handgepäck und läßt mich einen Zettel
unterschreiben, daß er mich gut behandelt hätte.
Draußen stehen mehrere Gepäckwagen. Ich kann eines meiner
Gepäckstücke nicht finden. Wo es nur sein mag? Mit einem
Flughafenmitarbeiter haste ich die Gebäude entlang, doch ich
finde nichts. Ärgerlich könnte man schon werden! Völlig ver-
schwitzt lande ich endlich auf meinem Sitz im Flugzeug. Ge-
schafft! Mit 1 1/2 Stunden Verspätung hebt die Boeing 737 ab.
"Sie können von Glück reden, daß Sie mitfliegen durften", meint
der Passagier, der hinter mir sitzt. Als ich die Stirn runzle,
erklärt er: "Der gestrige Flug fiel aus. Deshalb wollten heute 2
Flugzeugladungen mit einem Flugzeug mitfliegen!"
Glück gehabt. Mit Air Malawi ist eben alles möglich. Neben mir
sitzen zwei nicht ganz weißhäutige Mädchen. "Wir kommen aus
Blantyre und fliegen nach Durban", erzählt eines der etwa 13-
jährigen Fräuleins. So jung und schon so weit alleine fliegen,
denke ich mir? "Ja, wir gehen in eine Heimschule in der Nähe von
Pietermaritzburg in Natal, eine der drei besten Schulen in
Südafrika. Unser Papa ist Fuhrunternehmer in Blantyre. Hier ist
seine Visitenkarte". Auf der Karte steht "Ferreira". "Das klingt
aber portugiesisch", vermute ich. "Klar, Papa ist Portugiese, in
Mozambique geboren!"
"Euer Vater muß aber viel Geld haben, wenn Ihr nach Südafrika in
die Schule fliegen könnt! Wie hoch ist das Schulgeld?" möchte ich
wissen. "Für jede von uns im Vierteljahr 4.000 Rand (2.000 DM)",
erwidert sie in bestem British-English.
Als wir uns in Joburg verabschieden, müssen die beiden nach der
Einreisekontrolle gleich weiter in den nächsten Flieger nach
Durban.
Epilog: Ich erhalte alle meine Gepäckstücke, die ich in Blantyre
aufgegeben habe, in Joburg zurück, wenn auch die Umhüllung aus
Müllsäcken in Fetzen ankommt. Mein Auto wartet, allen Unkenrufen
zum Trotze, nach 10 Tagen unbeschädigt auf dem Parkplatz auf
mich. Trotz der Ermordung des populären Schwarzenführers Chris
Hani habe ich keine Schwierigkeiten, nach Pretoria zu kommen.
Gleich nach Ankunft zuhause faxe ich an den Reiseveranstalter
Drifters die Bitte, den Preis für das Flugticket Lilongwe -
Monkey Bay zu erstatten. Nach zwei weiteren Fax und drei Wochen
erhalte ich die Nachricht, daß Air Malawi sich weigert, irgend-
eine Erstattung zu leisten, da wir fünf "Zurückgebliebenen" ja
per Bus an unseren Bestimmungsort gebracht worden seien. Weitere
Beschwerden sind -da Verbraucherschutzgesetze fehlen- zwecklos.
Fünf Mitglieder unserer Gruppe sind an Malaria erkrankt, davon
vier sofort und eines erst vier Wochen nach der Rückkehr, obwohl
sie -drei verschiedene- hier gebräuchliche Tabletten eingenommen
haben.
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Infos
Malawi-Daten November 1992:
Einwohner: 8,5 Millionen
Fläche: 118.484 qkm
Regierung: Dr. Hastings Banda, Präsident auf Lebenszeit seit Juli
1966, regierend seit 1964
wichtigste Importe: Ölprodukte, Fahrzeuge
wichtigste Exporte: Tabak, Tee, Zucker
wichtigste Handelspartner: Südafrika, England
günstige Übernachtung in Limbe, Schwesterstadt zu Blantyre:
Villa Comfort
Box 51314
Limbe, Malawi
Tel. 64 2090/ 642377
Preise April 1993 (schließt Steuer und Frühstück ein):
Einzelzimmer: DM 33.-Doppelzimmer: DM 50.-
Buchung für das Forsthaus in Likhubula bei Mulanje:
The Department of Forestry
P.O Box 50
Mulanje, Malawi
Tel. Mulanje 46 5218
Preise April 1993: Übernachtung für eine Berghütte: 0,75 DM per
Person pro Nacht
Campingplatz: 0,33 DM pro Zelt pro Nacht
Forsthaus: 17,40 per Zimmer pro nacht
Der Lohn für die Träger (bei Wanderungen auf den Berg) sowie die
Lebensmittel, die sie bekommen, ist genau festgelegt.
Mietwagen in Malawi:
Halls Car Hire
P.O.Box 741
Blantyre, Malawi
Tel. 620077/ 620833
Telex: 43 247
oder:
SS Rent-a-Car
Tel. Blantyre 636 836, Lilongwe: 721179
County Car Hire
Tel. Lilongwe 721976, Limbe (bei Blantyre): 650775
Car Hire
Blantyre 671495, in Limbe: 633792
Car Hire Limited
P O Box 61059
Limbe
Tel. 667 1495
Info über Malawi in Deutschland:
Botschaft von Malawi
Bundeskanzlerplatz
Bonn Mitte H1 1103
5300 Bonn 1
Reservierungen für fast alle Nationalparks:
Department of National Parks and Wildlife
P O Box 30131
Lilongwe 3
Tel. 730853
Es gibt u.a. folgende Hochglanz- Informationsbroschüren (in
englisch), die alles Wesentliche enthalten:
Malawi, The warm heart of Africa;
Malawi, Safari- Guide (sämtliche Nationalparks beschrieben)
Malawi, Holiday Planner